Ausstellung


Stefan Wehmeier

Arbeiten auf Leinwand, Karton und Papier

Der Kunstverein Erlangen e.V.
und der Künstler laden herzlich ein zur
 
Ausstellungseröffnung
Mittwoch, 31. Mai 2006, 19 Uhr
Neue Galerie des KVE
 
Begrüßung
Heinz-Uwe Fischer
1. Vorsitzender des KVE
 
Einführung
Dr. Gudrun Szczepanek
Kunsthistorikerin
 
 
Ausstellungsdauer
31.05. bis 23.06.2006
 
Neue Galerie des KVE
Hauptstraße 72,  91054 Erlangen,
Tel. 09131/26867, Fax 09131/28110
 
Öffnungszeiten:
Di, Mi, Fr  15 - 18 Uhr
Do  15 - 19 Uhr
Sa  10 - 14 Uhr


Über diese Ausstellung

Fast alle Arbeiten Stefan Wehmeiers wirken zunächst wie gestisch-spontane Zeugnisse erlebter Natureindrücke. Abstrakte Felsformationen, Erdverschiebungen, wucherndes Wurzelwerk, Geäst, rissige Oberflächen, Aufwölbungen oder Aushöhlungen werden formal gebannt und neu interpretiert. Landschaftliche Bezüge sind spürbar, ohne dass Wehmeier eine konkrete Gegenständlichkeit vorgibt. Bei seinen Farblandschaften steht nicht im Vordergrund, das Gesehene statisch-stagnierend in Form einer Momentaufnahme einzufangen, sondern Natur in ihrer Lebendigkeit, Vielfältigkeit und unberechenbaren Veränderung malerisch-intuitiv zu erfassen. Es geht also weniger um eine Präsentation der Dinge in ihrer konkreten Wirklichkeit, sondern vielmehr um die Möglichkeit, in einem höheren Maße Raumstaffelung und Vielschichtigkeit innerhalb eines autonomen Bildwerks zu erreichen. Das Ergebnis ist ein malerisch-ästhetisch geschaffener abstrakter Raum, der als solcher wieder so wirklich scheint wie die Natur.


Stefan Wehmeier
Arbeiten auf Leinwand, Karton und Papier

Vortrag zur Ausstellungseröffnung
im Kunstverein Erlangen am 31. Mai 2006
von Dr. Gudrun Szczepanek, Kunsthistorikerin

Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Freunde des Kunstvereins,

vor einiger Zeit schrieb ich eine Rezension zu einer Ausstellung des Malers Julius Kaesdorf, der im schwäbischen Raum gut bekannt ist. Dieser Maler malte ausschließlich Menschen, niemals Landschaften. Er erzählte dazu einmal, dass ihn die Landschaft nicht interessiert, da sie ihn nicht berührt, vielleicht – so vermutete er – weil er als Flüchtling niemals die Gelegenheit hatte Wurzeln zu bilden.

Bei der Malerei von Stefan Wehmeier ist es genau umgekehrt. Wie von selbst scheinen sich in seinen abstrakten Bildern immer neue Landschaften zu formen. Bereits die ersten, mit suchender Handschrift auf Leinwand skizzierten Striche wecken Assoziationen an Hügelketten oder Felsformationen. Ihre oft diagonale oder keilförmige Anlage auf der Bildfläche schafft räumliche Tiefe und Weite. Es ist interessant, dass in diesen abstrakten Kompositionen kaum Anklänge an die menschliche Gestalt auftauchen. Eine große Ausnahme stellt die Arbeit mit dem Titel "Kreuzigung in Timisoara" dar, die auf ein eindrucksvolles Erleben der rumänischen Stadt Temeschwar im Sommer 2004 zurückgeht. Wie die meisten seiner Bilder entstand auch diese Arbeit im Atelier. Sie verrät sehr viel über die Vorgehensweise des Künstlers. Aus einem langsamen Wachsen von Strukturen und Flächen bildet sich allmählich die Komposition heraus. Es ist ein Malen von Innen nach Außen, ein Dialog mit den sich auf der Leinwand oder dem Papier formenden Gebilden. Dabei tauchen immer wieder innere Bilder auf, Erinnerungen an Stimmungen, die Wärme einer Landschaft, das Licht und ihre Farben. So war es auch bei der "Kreuzigung": Erst beim Entstehen dieser Komposition wurden die Eindrücke an die Atmosphäre der alten Stadt und ihre sakralen Kunstwerke wieder geweckt. Die spontane Erinnerung an das Erlebte, an die Eindrücke, gab der Arbeit ihren Titel.

In einem Essay stellte Wassily Kandinsky einmal fest, dass "der abstrakte Maler seine Anregungen nicht von einem x-beliebigen Stück Natur [bekommt], sondern von der Natur im Ganzen, von ihren mannigfachsten Manifestationen, die sich in ihm summieren und zum Werk führen". (In: Kandinsky. Essays über Kunst und Künstler. Hg. von Max Bill, Stuttgart 1955).

In Hinblick auf die Malerei von Stefan Wehmeier muss das Kandinsky-Zitat noch ergänzt werden: Denn es ist nicht nur die Natur als Ganzes, es sind nicht nur ihre äußeren Erscheinungen, wie ihre Strukturen und Farben, die in die Kompositionen einfließen. Es sind vor allem auch die Erinnerungen an Stimmungen und bestimmte Situationen.

Dabei stellen die Arbeiten von Stefan Wehmeier nie reale Landschaftsbilder dar, sondern spiegeln innere Bilder wider, denen der Künstler suchend in zahlreichen Metamorphosen nachspürt. Wie eine Fata Morgana drängen Felsen und Berge aus den Bildtiefen. Oft erst im Moment ihres Entstehens erinnern sie den Maler an Gesehenes oder Erlebtes.

Die Ausstellung hier zeigt Bilder aus den letzten Jahren bis zu den jüngsten, gerade eben erst entstandenen Ölskizzen. Gemälde, wie das große Leinwandbild mit dem Titel "Am Teich" von 2003, zeigen sehr anschaulich die Entwicklung seines künstlerischen Oeuvres: Die frühere heftige, informelle Malerei, die sich in ausdrucksstarker Gestik über die Leinwände ausbreitete, wurde im Laufe der 90er Jahre durch den Einzug hellerer Farben beruhigt. Aus den dunklen, erdigen Strukturen entwickelte sich eine Malerei von ganz anderem Charakter. Die Kompositionen werden leichter, zeichenhafte Strukturen kontrastieren nun mit malerischen Farbflächen. Die Schwere der pastosen Malerei wird durch Gravuren in die noch feuchte Farbe unterbrochen. Grafische Elemente verselbständigen sich und gehen spannende Symbiosen mit den immer noch kraftvollen, jedoch gebändigten Malflächen ein.

Das Malen mit den langsam trocknenden Ölfarben ist entscheidend für das Entstehen der Bilder. Die Trocknungsphasen schaffen Distanz zum eigenen Werk und lassen dem Künstler Zeit das Vorhandene zu überprüfen, umzuformen und zu ergänzen. Dieses Suchen nach passenden kompositorischen Formulierungen führt zu einer spannenden Synthese zwischen den verschiedensten Maltechniken: Weiß grundierte Leinwände kontrastieren mit pastos oder lasierend aufgetragenen Farben. Der kraftvollen gestischen Malerei werden filigrane Liniennetze und malerisch konturierte Formen entgegengesetzt. Zeichenstriche - kalligraphisch geschwungen oder gebrochen - durchweben die Farbflächen. Sie lassen Räumlichkeit und Bildtiefe entstehen, wobei selbst der Malgrund als eigene Farbe wirkt. Der ästhetischen Zeichenführung setzt der Künstler kontrolliert angelegte Farbflüsse entgegen, die eine zerstörerische Komponente in die Bildlandschaften bringen.

Für die künstlerische Entwicklung wurden Reisen und Arbeitsaufenthalte im Ausland zu wichtigen Impulsgebern. Reisen lassen uns aus dem Kokon des Alltags schlüpfen, eröffnen neue Sichtweisen und fordern andere Arbeitsbedingungen. Während Stefan Wehmeier parallel zu den Leinwandarbeiten von Anfang an auch mit Ölfarben oder Mischtechniken auf Karton malte, entstanden die ersten reinen Zeichnungen auf Papier erstmals während eines Aufenthaltes 1999 im niederländischen Eindhoven. Es ist der eigentliche Geburtsort der sogenannten "Landstriche", die dem neuesten Katalog den Titel gaben. Sie unterscheiden sich von den früheren Papierarbeiten durch ihre Strichführung, deren Variationsreichtum von filigranen Lineaturen bis zu dicht gewebten Liniennetzen reicht.

Parallel zur Zeichnung nimmt nun auch die Malerei mitunter graphische Züge an. Beide sind nicht mehr flächendeckend, sondern treten in spannende Dialoge mit dem weißen Papier oder der weiß grundierten Leinwand. In den jüngsten Arbeiten bemalt Stefan Wehmeier schwarzen Karton, Buchumschläge seines 1998 publizierten Katalogs. Für Renoir war Schwarz "die Königin der Farben", bringt es doch die anderen Farben einzigartig zum Leuchten. Mit den abstrakten Liniengeflechten verknüpft, wird auch der schwarze Bildgrund zum selbständigen Motiv.

Im Atelier von Stefan Wehmeier zeigen die noch unvollendeten Bilder – Leinwände und Papierarbeiten – die unterschiedlichen Zustände, das langsame Wachsen von Strukturen und Flächen. Sehr anschaulich beschreibt ein Gedicht des Malers diesen Prozess (publiziert im Katalog 1998):

    In der Abgeschiedenheit
    der Landschaft
    entwickelt sich ein Bild

    Erst karg
    fast zögernd
    läuft der Strich über das Papier
    dann kraftvoll
    fast fordernd

    Sucht nach Schwerpunkten
    setzt Akzente
    verliert sich im Nichts

    Verwirft verbessert übermalt
    und endet

    Ein Vogel steigt auf
    über den Feldern

 

Stefan Wehmeier liebt die Malerei, aber er liebt auch das klangvolle Spiel mit Worten. So lässt er nicht nur in seinen Gedichten Bilder vor unserem geistigen Auge lebendig werden sondern formuliert mit den Bildtiteln Assoziationen, die spontan beim Malen auftauchen.

Das monumental wirkende und doch kleinformatige Bild "Carpatia", das auf der Einladungskarte abgebildet ist, erinnert mit seinem Titel an die Karpaten. Allerdings werden wir mit dieser Erkenntnis der Ölmalerei auf Karton kaum auf die Spur kommen. Denn Bildtitel lenken vom eigentlichen Bild ab. Entweder beschreiben sie, was man ohnehin sieht oder sie verführen den Betrachter bei seiner Interpretation in eine bestimmte Richtung zu schauen. Die Arbeiten von Stefan Wehmeier berühren jedoch auf sehr verschiedenen Ebenen.

In den abstrakten, ausdrucksstarken Darstellungen formuliert der Maler innere Bilder, die künstlerischen Schöpfungsprozessen folgen. So können sie für den Betrachter zum Spiegelbild eigener Erlebnisse und Empfindungen werden. Und ihr Reichtum an Farben, Formen und Strukturen lädt zu zahlreichen Entdeckungen ein.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen nun viel Vergnügen beim Eintauchen in die Bildwelten von Stefan Wehmeier.

© Dr. Gudrun Szczepanek

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Aktualisiert am 01.06.2006