Ausstellung


Rüdiger Keuth
Retrospektive


Der Kunstverein Erlangen e.V.
lädt herzlich ein zur
 
Ausstellungseröffnung
Donnerstag, 6. April 2006, 19 Uhr
Neue Galerie des KVE
 
Begrüßung
Heinz-Uwe Fischer
1. Vorsitzender des KVE
 
Einführung
Dr. Henna Bashir-Hecht,
Kunsthistorikerin
 
Ausstellungsdauer
6. bis 28. April 2006
 
Neue Galerie des KVE
Hauptstraße 72,  91054 Erlangen,
Tel. 09131/26867, Fax 09131/28110
 
Öffnungszeiten:
Di, Mi, Fr  15 - 18 Uhr
Do  15 - 19 Uhr
Sa  10 - 14 Uhr


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Zu dieser Ausstellung

Eine Retrospektive des im Januar 2006 verstorbenen Künstlers Rüdiger Keuth (Jahrgang 1945) soll noch einmal eine Auswahl seines umfangreichen Werkes an Zeichnungen, Malereien und Radierungen zeigen. In ihnen treten thematisch das Figürliche, die Landschaft und das Porträt in den Vordergrund. Seit den 70er Jahren war Rüdiger Keuth in der Region Nürnberg und darüber hinaus mit zahlreichen Ausstellungen vertreten.

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Vita

Rüdiger Keuth wurde am 1.4.1945 in Erfurt geboren. 1968 - 1972 studierte er an der Akademie der Bildenden Künste in München. Seit 1974 war er als freischaffender Künstler und Kunstpädagoge in Nürnberg und Umgebung tätig. Rüdiger Keuth verstarb am 20.1.2006 in Nürnberg.

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Ausstellungen (Auswahl)

1986 Fembohaus Nürnberg
1987 Palais Stutterheim, Erlangen
1992 Stadttheater Fürth
1994 Galerie Campe, Nürnberg
1996 Settimana d'arte di Cecina, in movimento
Kulturzentrum, Nova Huta, Krakau, Ausstellung mit der Künstlergruppe punktSIEBEN
1997 Scholzgalerie Hersbruck, Radierungen zum Tierkreis
Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg, Ausstellung des Kulturkreis N
Dom zu Bamberg, Teilnahme an der Ausstellung Leben bis zuletzt der Erzdiozöse Bamberg
Santa Maria del Carmine, Florenz, Ausstellung der Preisträger des Premio Firenze 1997
1998 Kunstverein Erlangen, Et in arcadia ego, Bilder zur Schöpfung
Rathaus Gernsbach, Malerei und Grafik
Kunsthaus Nürnberg, transparent, Ausstellung mit der Künstlervereinigung Erlenstegen
1999 Projekt Kunst und Kirche, Rummelsberg
2000 Galerie Kulturdach, Nürnberg, Herzstücke
Galerie Schrag, Nürnberg, Schöpfung und Erschöpfung
2001 Kunstverein Erlangen, Paraphrasen. Ausstellung des Fördervereins Kunstmuseum Erlangen
Scholzgalerie Hersbruck, Landschaften
Galeriehaus Nürnberg, Hommage à E.T.A. Hoffmann, Ausstellung mit der Künstlervereinigung Erlenstegen
2002 Galerie Kulturdach, Nürnberg, Ich sehe was, was du nicht siehst..." Ausstellung mit der Künstlervereinigung Erlenstegen
2003 Sparkasse Fürth, Die Mitte immer neu finden
Settimana d'arte di Cecina, Bewegte Strukturen
2004 Kunstmuseum Hersbruck, Das Fatum
Galerie im Krakauer Haus, Nürnberg, Ausstellung mit punktSIEBEN
Schloss Almoshof, Nürnberg, Zwei Generationen, Ausstellung mit Konrad Ehmann
2006 Künstlerhaus Nürnberg, Gruppenausstellung mit der Künstlervereinigung Erlenstegen

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Veröffentlichungen (Auswahl)

Das Zeichen. Zwölf Radierungen und Federzeichnungen zum Tierkreis nach Texten von Fritz Riemann. Ein immerwährender Kalender. Lauf, 1997.

Schöpfung und Erschöpfung. Bilder und Texte zur Genesis, Kunstmappe, Lauf, 2000.

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Was steckt eigentlich hinter diesen Bildern?
Von meinem Verständnis von
Landschaft, Akt und Porträt.

von Rüdiger Keuth, 2004

Eine große, umfassende Quelle spirituellen Erlebens ist die Landschaft, die Natur, in die wir geistig hineingehen mit all unseren Sinnen, nicht nur mit dem Sehen, sondern auch mit dem Hören, Riechen und Fühlen. Sie nimmt uns in sich auf und gibt uns, falls verloren, unsere innere Harmonie zurück.

Schon die Romantiker wussten das, z.B. Novalis, der von einer "Chiffrenschrift der Natur" sprach, die in den Strukturen der Wolken, der Baumrinde und des Steines steckt. Wer beim Malen aus dem Naturerlebnis schöpfen will, sollte diese Chiffren der Natur neu erfinden, im Tanz des Pinsels oder der Stifte auf Papier und Leinwand. (...) Als Ergebnis bilden sich Zeichen und Symbole, Elemente einer bildnerischen Sprache, die wir aus der Natur abgeleitet haben.

Eines der in meinen Arbeiten immer wiederkehrenden Zeichen ist der Kreis, verbunden mit der Sehnsucht nach dem Geschlossenen, Vollkommenen, in sich Ruhenden. In all den vielfältigen Rhythmen und Strukturen des Bildes zeigt sich das Pulsieren und Vibrieren, das Zittern des Lebens, sein Herzschlag und Atem.

Im Porträt tritt uns das Gesicht gegenüber, der erste Formzusammenhang, den das Kind über der Wiege erkennt. Das Gesicht der Eltern kann als erstes Bild bezeichnit werden, das uns im Leben erscheint. Im Porträt liegt nun etwas von dem kindlichen Staunen, das wir einmal als ganz junger Mensch hatten. Interessant ist beim Porträt nicht nur die Darstellung einer bestimmten Person, sondern auch das Symbolische, das Sinnhafte darin, und hier ist vor allem das Zusammenspiel von Gesicht und Umfeld interessant, denn das Gesicht interpretiert es, und das Umfeld wiederum wird durch den Gesichtsausdruck gedeutet. (...)

Die Darstellung der menschlichen Figur als Akt thematisiert, ähnlich wie schon bei den alten Griechen, die geistig-körperliche Einheit des Menschen. Das Geistige und das Seelische liegen ja im Gesicht konzentriert, im Ausdruck der Gesichtszüge. Die Formen des Körpers sind dagegen dem Sinnlichen näher. Beides, Gesicht und Körper in der Aktfigur, zeigen den ganzen Menschen als Einheit von Körper, Geist und Seele. Nimmt man hier noch die Bewegung hinzu, die Bewegung des Tanzes, so verbinden sich Seele, Geist, Körper und kosmischer Raum. Hier liegt mein Thema. Und dieses Thema ist nicht neu. Denn Darstellung des Tanzes kehrt immer wieder im Laufe der Kunstgeschichte und da ich wie jeder Künstler durch sie beeinflusst bin, sind hier auch Anklänge zu finden an die Antike, die Renaissance, das Barock, an die großartigen Zeichner Dürer, Rembrandt, Rubens, Tiepolo und ein klein wenig auch an Alfred Kubin.

Als emotionaler Ursprung all dieser Motive muss aber schließlich das Erlebnis zwischenmenschlicher Beziehungen gesehen werden, mit all ihrem Glück und Unglück, ihrem Gelingen und Scheitern, ihrer Lust und ihrem Schmerz. Die gestische Körpersprache spricht vom Gefühl des Schwebens und des Aufsteigens, von der Erfahrung des Sturzes, von der Hingabe und vom Kampf, vom trotzigen Stolz, von Freude und Begeisterung, aber auch von tiefster Traurigkeit. Sie spricht vom Miteinander der Menschen und von ihrer Distanz. Diese Bilder kommen also mitten aus dem Leben heraus, sie sind Leben.

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Henna Bashir-Hecht:
Laudatio zur Retrospektive von Rüdiger Keuth im Kunstverein Erlangen

Verehrte Damen und Herren, liebe Familie Keuth, liebe Frau Dorothee Franke,

Ich lernte Rüdiger Keuth Ende 1996/Anfang 1997 kennen, als er die Radierungen zu dem im Fahner-Verlag erschienenen immerwährenden Tierkreiskalender schuf. Auf Vermittlung von Frau Dr. Scholz erhielt ich die interessante Aufgabe, einen Vortrag zu den Radierungen zu halten, die 1997 erstmals in Hersbruck in der Scholz-Galerie ausgestellt wurden. So begann eine fruchtbare Zusammenarbeit mit einer der eindrucksvollsten Künstlerpersönlichkeiten, die ich kennen lernen durfte, und ich bin dankbar, dass ich auf diese Weise Einblick in das Schaffen von Rüdiger Keuth erhielt. Dankbar bin ich auch seinen Hinterbliebenen für das Zustandekommen dieser Ausstellung, über die wir nochmals mit einem Künstler kommunizieren können, der uns viel zu zeitig verlassen hat. Diese Ausstellung gibt uns einen Einblick in die Jahre von 1978 an bis Anfang Januar 2006, als sein letztes Werk entstand, ein Gemälde, betitelt mit "Flug des Ikarus", das Rüdiger Keuth nur wenige Tage, bevor er uns so unerwartet verließ, vollendete. Es ist gleichsam ein Symbol für einen "Sturz nach oben", wie ein anderes Gemälde dieser Ausstellung betitelt ist. Das Thema "Ikarus", der mit seinem Flugapparat der Sonne so nahe kam, dass die künstlichen Flügel versagten, weil das Wachs, mit denen sie befestigt waren, schmolz, hat Rüdiger Keuth immer wieder einmal beschäftigt. Hier aber erfährt das Thema eine Transformation, ist doch der Körper des Ikarus zu Boden gestürzt, nicht aber sein Flugapparat, der nun eher ein phantastischer Vogel zu sein scheint, von dem man Flügel, Krallen, Schnabel erkennen kann, zwar segmentiert, aber dennoch schwebend und versehen mit einer vorwärts weisenden Hand und einer aufwärts gerichteten stigmatisierten. Das Bild könnte an einen Seelenvogel erinnern, der wie der Adler der Sonne verschwistert ist und ins Licht strebt. Dieses Bild erscheint wie die Essenz der künstlerischen Intentionen von Rüdiger Keuth.

Keuth befasste sich mit zahlreichen Themenkreisen, seien sie bezogen auf Meisterwerke der Kunstgeschichte, astrologisches Wissen, die Auseinandersetzung mit dem polaren Verhältnis zwischen dem weiblichen und dem männlichen Prinzip oder auf schicksalhafte Einbrüche in das Leben, z. B. durch Naturkatastrophen. Beeindruckend ist die gleichermaßen inhaltliche wie formale Vielseitigkeit seiner Kunst sowie der souveräne und eigenwillige Umgang mit den jeweils gewählten Techniken. Gerade in dieser Ausstellung wird dies deutlich, können wir hier doch Gemälde, Mischtechniken, Zeichnungen, Radierungen, Aquarelle bewundem, nicht zuletzt eine Assemblage, betitelt "Eingriff von oben", die Rüdiger Keuth 2005 als Mitglied unseres Vereins aus Anlass des 5jährigen Bestehens unseres Kunstmuseums in Hersbruck für unsere Themenausstellung geschaffen hat und die damals zu unseren interessantesten Exponaten gehörte.

Rüdiger Keuth, geb. 1945 in Erfurt, studierte von 1968 bis 1972 an der Akademie der bildenden Künste in München bei Prof. Rudolf Tröger und schloss mit dem Staatsexamen ab. Seine Studienzeit beginnt also mit der Phase der 68er Generation, deren Spiritualität bis in unsere Zeit nachwirkt und auch das Werk Keuths mit beeinflusst hat. Rüdiger Keuth gehörte der Künstlergruppe punkt SIEBEN an, deren Gründungsmitglied er war, und mit der er ein gemeinsames Atelier in Nürnberg führte. Zugleich arbeitete er als Kunsterzieher am Gymnasium, was ihm ermöglichte, jenseits des Marktes, der stets Einseitigkeit verlangt, Vielfalt im künstlerischen Ausdruck zu entwickeln und seine Unabhängigkeit zu bewahren. Seine Ausstellungstätigkeit entfaltete sich vor allem in Nürnberg und Umgebung, reichte aber auch bis ins Ausland.

So wurde sein Tierkreiszyklus in Cecina am Gardasee ausgestellt und zum Zwölften Premio Fi-renze, wo der Künstler eine Auszeichnung erhielt. Dies rührte zu einer Würdigung durch die Redakteurin Roberta Fiorini in der Mai/Juni-Ausgabe 1997 der Kunstzeitschrift "ECO d'arte Mo-dema". Nach der Präsentation der Radierungen zum Tierkreis in der Scholz-Galerie in Hersbruck erfolgte eine weitere in Nürnberg, ebenfalls 1997. Im gleichen Jahr stellten wir den Kalender in der Galerie am Domhof in Zwickau vor. Die Quelle des Künstlers ist das Buch von Fritz Rie- /. mann "Lebenshilfe Astrologie", ein Standardwerk der modernen Astrologie. Der gesamte Zyklus zum Tierkreis gehört zweifellos zu den stärksten Arbeiten des Künstlers. Er hebt sich wohltuend von so manchem der aus der Regenbogenmentalität hervorgegangenen zeitgenössischen Tierkreiszyklen ab.

Hier sehen wir zwei Farbradierungen aus dem Tierkreis, die eine besondere Bedeutung für den Künstler hatten, war er doch unter dem Zeichen des Widders geboren und hatte den Löwen zum Aszendenten. Spannungsreich erscheint das Widder-Blatt mit den beiden polar zu verstehenden Tieren. Die unerschöpfliche Kraft des Geistes ist im Widder links dargestellt, aus dessen Kopf Neues aufkeimt und zukünftiges Blühen verspricht. Im Gegensatz dazu leidet der Widder rechts an Substanzverlust, da er seine Kraft im Aufbäumen gegen den unbezwingbaren Fels vergeudet. Das Blatt zum Löwen wird beherrscht von der diagonal komponierten kraftvollen Figur der Großkatze, deren mächtiges Haupt mit kampfbereitem Blick und drohend aufgerissenem Maul von seiner Mähne wie von sprühendem Licht umgeben ist. So wird er zum Bild einer glühend heißen Sonne, die alles verzehrt, was ihr zu nahe kommt. Hinter ihm erhebt sich der mächtige Stamm eines Baumes, ein Ich-Symbol, in dem sich ein Geistwesen schattenhaft abzeichnet. Als Mischform zwischen menschlicher Figur mit Kopf und lanzettartigem Blatt mit nach unten auslaufendem Stiel erscheint es als astrales Wesen feinstofflicher Substanz, etwa in der Art eines Pflanzendevas. In seiner Brust leuchtet ein übergroßes Herz von weicher Plastizität. In Verbindung mit dem Baum handelt es sich hier um ein Bild des Selbst, das völlig ungeschützt ohne die übermächtige Kraft des Löwen wäre, der gleichsam als sein Hüter füngiert.

Die besondere Liebe des Künstlers zum Baum wird in dieser Radierung deutlich, was auch auf zwei bereits 1993/94 "Baum am Steilhang" betitelte Werke zutrifft, auf denen der Baum wie ein urtümliches weibliches Wesen wirkt, das sich - Halt suchend - mit den Wurzeln wie mit Füßen in dem unwirtlichen Boden festkrallt. Es handelt sich hier um ein Thema, das sich durch das gesamte Werk des Künstlers zieht bis hin zu den letzten Arbeiten von 2005 ungemein sensible und dabei kraftvolle Tuschezeichnungen mit Bäumen "Im Garten". Der Baum war für Rüdiger Keuth ein Lebenssymbol und eng mit dem Zustand unserer gegenwärtigen Welt verbunden. In diesem Zusammenhang lag ihm der Umgang der Menschheit mit ihrer Umwelt besonders am Herzen.

Dies ist auch eines der Themen der "Schöpfung", ein Zyklus, der ein Jahr nach dem Tierkreiszeichenkalender entstand, also 1998, und m der Mappe "Schöpfung und Erschöpfung" veröffentlicht wurde. In diesem Zyklus verbinden sich zivilisationskritische mit religiösen Fragen. Er wurde erstmals hier in den Räumen des Kunstvereins Erlangen gezeigt. Es handelt sich dabei neben vier übergreifenden Radierungen um zwölf Aquarelle auf Tiefdruckpapier im quadratischen Format Sie wurden zuerst in Farbe ausgeführt und dann graphisch mit Tuschfeder und Farbstiften überarbeitet. Einige dieser Aquarelle sind heute hier zu sehen. Die Quelle des Künstlers zu diesen Ar beiten ist der Genesis-Zyklus des Thanner Münsters im Elsaß, der 22 Szenen aus dem l. Buch Mosis wiedergibt. Die Figuren, Bildwerke aus der 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts, befinden sich auf Konsolen in den inneren beiden großen Archivolten des Westportals. Auch wenn Keuth die Anregung zu seinem Schöpfüngszyklus diesen mittelalterlichen Bildwerken verdankte, wich er dem Vorbild gegenüber so stark ab, dass Vergleichbarkeit nur hinsichtlich der Themenstellung besteht, zumal es sich auch um Arbeiten der 2. Dimension handelt, die der Fläche verpflichtet sind. Es galt, den Stoff aus der Perspektive des 20. Jahrhunderts neu zu gestalten, gemäß der in unserer Zeit anders gelagerten Problematik zu behandeln und dem Zeitstil Rechnung zu tragen. Mit seinem Zyklus hat Rüdiger Keuth einen zeitgenössischen Beitrag zu einer großen Bildtradition geleistet. In den Blättern "Sonne", "Mond", "Wasser" verweist er auf Grundbedingungen des Lebens auf unserem Planeten. Die Darstellungen weisen großzügige Bewegungsabläufe auf und sind in ihren Farbwerten fein nuanciert. Mit kritischem Blick auf das Umweltproblem lässt Keuth die Schöpfung im "Chaos" enden. Sein Baum der "Erkenntnis" ist wie in eine Hirnschale eingeschlossen, ein Bild der Hoffnung, dass sich das Wissen um die Gesetze des Wachsens und Werdens im lebenspendenden und -erhaltenden Sinn vielleicht doch noch durchsetzen und die Menschheit auf einen anderen Kurs bringen werde.

In den mit "Lemniskate" und "Zyklone" betitelten Blättern in Mischtechnik, entstanden im Jahre 2000, geht der Künstler auf die existentielle Situation des Menschen ein, indem er die Polarität zwischen dem weiblichen und männlichen Prinzip in das Bild einer gegenläufigen Spirale bannt. In der Strömungsform des Unendlichkeitszeichens wiederum verbinden sich die beiden Pole zur Einheit und versinnbildlichen damit eine Rückbindung zum Urgrund der Schöpfung. In dem Wunsch nach einer gut ausbalancierten Position zwischen gegensätzlichen Polen spiegeln sich utopische Ideale einer ganzen Generation. Das Harmoniebedürfhis schlägt sich auch in den künstlerischen Mitteln nieder, etwa in der Ausgewogenheit zwischen Figur und Struktur, in einer Komposition, der es um das Gleichgewicht der Kräfte geht, in der Schönheit der Linien, ihrem Schwingen und Fließen.

Es zeigt sich hierin ein Gestaltungswille, der auch die Landschaften des Künstlers bestimmt. Der Landschaft hat Keuth eigens eine Ausstellung von Aquarellen, Zeichnungen und Radierungen gewidmet, die unter dem Motto "Topografien" in der Scholz-Galerie in Hersbruck im Oktober/November 2001 gezeigt wurden. Es ging dem Künstler dabeivor allem um die Erfahrung der Natur und um die Lebendigkeit spontan erworbener Eindrücke. Seine Aufgeschlossenheit gegenüber Bäumen und Pflanzen ließ ihn diese als empfindende Lebewesen erscheinen; sie gehörten zu seinen bevorzugten Sujets. Eine Gruppe von Aquarellen sind inspiriert von der Idee, die Goethe über die Urpflanze entwickelte. Dazu gehört auch eine Reihe von Arbeiten in Mischtechnik, von denen "Blütenpflanzen I" und "Blütenpflanzen II" hier zu sehen sind. Es geht dabei allerdings nicht um bestimmte Pflanzen im botanischen Sinn, sondern um archetypische Pflanzenformen in verschiedenen Stadien ihres Daseins; sie bestechen durch Farbklänge von Smaragdgrün und leuchtendem Blau.

Im Jahre 2004 hatten wir die große Freude, eine Einzelausstellung mit Rüdiger Keuth im Kunstmuseum Hersbruck veranstalten zu können. Unter den Exponaten befanden sich auch die großartigen Werke zum Estonia-Zyklus, die Sie hier ebenfalls bewundem können. Es handelt sich um eine Reihe großformatiger, gestisch bewegter Bilder mit Figurengruppen, ausgeführt in einer auf Purpur abgestimmten Dispersionsfarbe sowie weißer und schwarzer Ölkreide. In einigen Bildern aus dieser Reihe, "Klimax", "Krisis" und "Estonia", führt eine Schicksalsmacht, gleichsam das Rad der Fortuna drehend, vom Höhepunkt zum Niedergang bis in die Katastrophe. "Estonia" bezieht sich auf die Tragödie des Untergangs einer estnischen Fähre dieses Namens vor ca. 17 Jahren, bei der ungefähr 200 Menschen umkamen. Um das ganze Ausmaß der Erregung der Insassen der Unglücksfähre, sowohl ihre Panik als auch ihren leidenschaftlichen, aber vergeblichen Kampf ums Überleben ins Bild zu bringen, arbeitete der Künstler teils mit Farbschüttungen aus Schüsseln, teils spritzte er die Farbe mit Pinseln auf die Bildfläche. Die gleiche Technik wirkt auf einem anderen Werk dieser Gruppe, "Kithera", zart und lucid. Es zeigt ebenfalls eine Menschengruppe auf See, allerdings in einem bei ruhigem Wetter über 'einen glatten Wasserspiegel dahingleitenden Boot, dessen Segel aus feinen Schleiern zu bestehen scheinen. Diese Schiffsreisenden sind auf dem Weg zur Insel der Glückseligkeit, Kithera, von der aus nach Hesiod Aphrodite, die Göttin der Liebe und Schönheit, nach Zypern gelangte. Auf Kithera stand Aphrodites ältester Tempel. Hier wurde die kleine Molluske, die "porphura", gefangen, aus denen man das Purpurrot herstellte, das auch dieses Werk farblich beherrscht. Den Schicksalsgewalten steht mit "Kithera" ein Bild der Harmonie gegenüber, das einerseits Hoffnung schöpfen lässt, andererseits aber auch Ausdruck einer Utopie ist.

Es ist das uralte "Rätsel der Sphinx", wie eine Radierung von 1999 betitelt ist, die hinter solchen Schicksalsgewalten steht. Bei der Frage der Sphinx geht es auch um das Hinhören-Können, am Mangel daran, am Mangel an Intuition krankt unsere Zeit. Darauf aufmerksam zu machen, ist eines der vordringlichsten Anliegen von Rüdiger Keuth gewesen.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit

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Aktualisiert am 11.04.2006